„Erwachen“ oder „Erkenntnis, die handelt“, ist die Folge eines Bewusstseinsschubes in eine Ebene, in der ich alles Gewesene auf den Prüfstand legen muss, weil es womöglich nicht mehr genügt. Es ereignet sich etwas, was man „Bewusstheit“ nennen könnte: Ich erkenne für mich etwas bewusst und suche eine Strategie, das Erkannte für mich zu verwirklichen. Bewusstheit wird mir durch Intuition gegeben, sie muss aber gesucht werden.
Erwachen ist der Zustand, der zur Freiheit führt. Freiheit kann nur wahrnehmen und
ausüben, wer aus dem Schlaf erwacht ist. Die alten Weisheitslehren sagen uns, dass die Menschheit schläft und dass es die Aufgabe der bereits Erwachten ist, den Schlafenden beim Erwachen behilflich zu sein. Es gilt: „Je greller das Licht und je lauter die Nacht, desto tiefer der Schlaf“.
„Schlafen“ bedeutet hier, dass man sein Ego fälschlicherweise für seine tatsächliche Realität hält und dass man die Welt aus der Perspektive dieses eigenen Standpunktes heraus beurteilt. Jede persönliche Sicht ist eine verengte Sicht, ist ein Ausschnitt aus einer Fülle von Sichten und hat wenig mit der tatsächlichen unbegrenzten Wirklichkeit zu tun.
Wenn ich meine enge Perspektive zu einer objektiven Weltsicht erhebe, gleicht dies dem Maulwurf, der sein Röhrenwerk zur Welt schlechthin erklärt. Er selbst mag das glauben, auch die Maulwurfsverwandtschaft – aber mit der tatsächlichen Welt hat das nichts zu tun.
Wenn meine Sicht der Welt, mein persönlicher Standpunkt (der zu meiner Meinung wird),
nicht auf tatsächlichen, gehabten Erfahrungen gründet (die ebenfalls immer wieder hinterfragt werden müssen), sondern wenn diese Sicht kritiklos von außen übernommen wurde, dann ist der Schlaf noch tiefer. Dann befinde ich mich in einem hypnotischen Schlaf, der von den Interessen anderer gesteuert wird. Ganze Völker sind in der Geschichte in solchen hypnotischen Schlaf gefallen und haben „im Namen von…“ für wenige Nutznießer, andere Völker versklavt oder gemordet; besonders im Namen Gottes sind unfassbare Dinge geschehen.
In der Regel werden wir Menschen unseres Kulturkreises zur Lebensunfähigkeit erzogen und ausgebildet. Um unsere Kraft und Stärke, um unsere Intuition, unser inneres Wissen, wird ein Schleier der Konditionierung gelegt. Dies beginnt in der Regel bereits als Säugling und endet erst mit dem Tod. Wir werden in eine materialistische Gesellschaft hineinerzogen, die nur das zweidimensionale Schneller, Besser, Erfolgreicher kennt und die mit lächelndem Grinsen den vermeintlich oder tatsächlich Schwächeren auffrisst.
Zur Beruhigung aufkommender Zweifel werden philosophische oder theokratische Systeme bemüht, wobei in Worthülsen gesprochen und gepredigt wird; dem tatsächlichen Sinn hinter den Worten gilt kein Interesse.
Da nur das Erleben innerhalb der gewöhnlichen Sinne als Leben wahrgenommen wird, meint der Mensch von allem den Anfang zu kennen und das Ende. Das logische, rationale Denken, die Intelligenz, ist in dieses begrenzte System als oberste Ratio eingebettet und legitimiert die Weltsicht des „Wissenden“.
Das Leben im Oberflächenbewusstsein, welches die Organisation des Lebens und seine Betriebsamkeit mit dem Leben selbst verwechselt, ist ein hypnotisches Leben. Als Automaten tun die Menschen alles das, was sie tun sollen so, als wäre dieses Tun ihre eigene Entscheidung. Das Bewusstsein ist kein eigenes, autonomes Bewusstsein, es ist außengesteuert, es schläft.
Natürlich tue ich das und das und das auf Grund eigener Entscheidungen – aber der Impuls diese Entscheidung zu treffen und nicht jene (wobei mir jene Möglichkeit in der Regel verschlossen bleibt), kommt aus einer manipulierten Ebene. Und diese Ebene ist jenseits meines bewussten Seins, meines Bewusstseins und ist ausgeblendet. Neben der Bewusstlosigkeits-Ebene gibt es dann noch die Angst-Ebene, bei der zwar eine Sache ins Bewusstsein rückt, es aktiviert sich jedoch eine Ausführungs-Hemmung, die letztendlich greift.
Die Richtung meines Bewusstseins wird auf die sichtbaren materiellen Oberflächenphänomene gelenkt, welche die Wirklichkeit zu sein scheinen. Die Überflutung mit so genannten Informationen, ist die im Moment wirksamste Methode, um einen Ausbruch aus der Hypnose zu verhindern; ja, mit der suggerierten „unendlichen“ Wissens-Erweiterung verstopfe ich mir meinen mentalen und emotionalen Raum dermaßen, dass zum hypnotischen Schlaf noch die Blindheit hinzukommt.
Der Sufi El-Tughrai schriebt zum Thema Information bereits 1111 an seine gebildete Leserschaft (man stelle sich den zeitlichen Abstand zu uns vor!): „O Mensch, der du vollgestopft bist mit Informationen; höre, denn schweigend bist du sicher vor Entgleisungen. Man hat zu einem Zweck dich aufgezogen, doch hast du’s auch verstanden? Willst du nicht mit verirrten Schafen grasen, dann habe Acht auf dich!“(1)
Grundsätzlich zieht die Manipulation den Menschen in die materielle Identifikation hinein. Das moderne „Opium für das Volk“ heißt statt Religion „Sport“, „Arbeitsleistung“, „wissenschaftliches Denken“, „unternehmerische Leistung“, „Gewinnen um jeden Preis“, „Sieger sein“ – auf jeden Fall besser sein als der andere, um dadurch mehr zu haben.
Dies ist überhaupt das Schlüsselwort auf dieser in sich logischen Daseinsebene: haben! Alles dies ist gepaart mit der unsäglichen Angst auf die Verliererseite zu geraten. Um dieser zu entgehen, ist jedes Mittel recht, welches das Gesetz zulässt (so man zum „Volk“ gehört und nicht zur selbsternannten „Elite“, die sich außerhalb der Gesetze befindet).
Die Manipulationen umfassen den Menschen total, seinen Körper, seinen Geist und sein emotionales Wesen. Das Ziel ist seine Identität – die Seele – mitteilungsunfähig zu machen. Wer sich zum Beispiel damit beschäftigt, was einst die Inhaltsstoffe von Nahrungsmittel waren und was davon in heutigen Esswaren noch zu finden ist, den schaudert es. Dazu kommt die Antibiotisierung kunststoffverpackter „Nahrung“ durch Farbmanipulation und Aromatisierung. Die Ausscheidungen genmanipulierten Bakterienstämme nennt man „natürliche Aromastoffe“, dazu kommen „Geschmacksverstärker“, „Backhilfsmittel“, nicht deklarierungspflichtige „Verarbeitungshilfen“, gut verpackt in der dem Bürger unbekannten Höchstmengenverordnung (2).
Zum geistigen Müll fürs Gehirn kommt der Biomüll für den Magen, welcher dramatisch das ENS, das ‚Enterische Nervensystem‘ in den Darmwänden schädigt, die Grundlage für unser Immunsystem.
Die emotionale Wesenheit Mensch wird durch das Gegenteil von Liebe paralysiert, durch Emotionslosigkeit. Diese ist, gepaart mit Zynismus, eine der Wurzeln aller Zerstörung.
Schon die alten Weisheitslehren zeigen Methoden auf, wie man durch die Maschen der Netze schlüpft, welche die Manipulateure ausgeworfen haben. Anleitungen im Sinne einer Gebrauchsanweisung dazu wird man jedoch vergeblich suchen, denn die wären ja auf jener Ebene der Auseinandersetzung und des Kampfes angesiedelt, auf welche wir uns auf keinen Fall einlassen. Die alten Meister geben Anleitungen, in dieser Welt zu leben – mit all der Verantwortung die zu tragen ist – aber nicht von dieser Welt zu sein. Und in diesen Anleitungen liegt die Sprengkraft.
„Achthaben auf sich“, wie ein alter Meister sagt, ist das, was der Buddha als „Achtsamkeit“ verkündet hat und was die Sufis „unverschleierte Wahrnehmung“ nennen. Wahrnehmung ist von Wahrheit abgeleitet. ‚Die Wahrheit nehmen’, könnte man übersetzen.
Im Grunde geht es um das Durchbrechen des gewöhnlichen Bewusstseins, der Aufhebung des Schleiers der gewöhnlichen Unbewusstheit, damit ich die Einheit der scheinbar unterschiedlichsten Dinge und Zusammenhänge erkenne. Da dies genau die Richtung der Neuen Physik, der Quantenmechanik ist, gehen beide Vorgehensweisen seit einiger Zeit den gleichen Weg der Entschleierung. Die Werke mancher Physiker sind von tiefer religiöser Ehrfurcht geprägt, wenn sie von ihren Beschreibungsversuchen der Wirklichkeit zu Deutungsversuchen gelangen, die ohne ein erschaffendes Etwas nicht auskommen.
Handeln bedeutet ethisches Handeln – und dies muss zwingend aus mir selbst heraus entstehen, wenn es Gültigkeit haben soll. Buddhas „Rede an die Kàlàmer“ zeigt beeindruckend, dass der Weg des Erwachens in mir selbst angelegt ist:
“Aus diesem Grunde eben, Kàlàmer, haben wir es gesagt: Geht, Kàlàmer, nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber, Kàlàmer, selbst erkennt: `Diese Dinge sind unheilsam, sind verwerflich, werden von Verständigen getadelt, und, wenn sie ausgeführt und unternommen, führen sie zu Unheil und Leiden`, dann o Kàlàmer, möget ihr sie aufgeben.“(3)
Mit „Erwachen“ kann man generell den Sufi-Weg beschreiben. Dies hat wohl Pir Vilayat Inayat Khan dazu bewogen, sein populäres Werk über den Sufismus so zu nennen. (4)
Heute, da es sich zeigt, dass wir Menschen wegen unseres niedrigen Bewusstseinsstandes nicht die Rolle der Wächter der Erde übernehmen konnten, ist es hoch an der Zeit, dass sich das kollektive Bewusstsein anhebt, wollen wir nicht diesen wunderbaren Planeten für unsere Nachkommen unbewohnbar machen. Die Physik spricht von acht bis zehn Prozent aktiver Bewusstseinsanhebung, damit der große Rest dann unbewusst evolutionär folgen kann. Gehen wir davon aus, dass wir an dieser Schwelle stehen!
Wir haben da sogar großartige Verbündete: Es ist heute im Westen eine anerkannte Wissenschaft, die Physikwissenschaft, welche das Ende des Materialismus längst eingeläutet hat. Es ist inzwischen unbestritten, dass diese Erde insgesamt ein Lebewesen ist, weil tot geglaubte Materie ebenso lebendig ist wie die sich bewegende, „lebendige“ Materie. Es ist unbestritten, dass Materie nicht nur eine spezifische Energieform ist, sie ist an sich nichts Originäres, sondern die holistische Kopie einer primären Wirklichkeit außerhalb unseres Raum- Zeit-Systems. Die Zeit, jenes Phänomen, das erst durch die Bewegung der Gestirne entsteht, ist die Schwelle der übergeordneten Dimensionen zu unserem dreidimensionalen Raum. Zeit ist Bedingung für Materie und somit das Tor zu unserer Welt der Erscheinungen.
Hat man Rupert Sheldrake, Gary Zukav oder Frithjof Capra zu Beginn ihrer Arbeit noch als okkulte Physiker abgetan, so schweigt man heute, wenn der weltberühmte Physiker Professor Dr. Steven Hawking vom „M-Feld“ spricht, von der „Matrix“, vom „Mutterfeld“„ oder „morphogenetischen Feld“ – dem Original, von dem wir nur eine abgebildete dreidimensionale Ebene sind, eine Kopie sozusagen.
„Aktuell sorgt die Harvard-Physikerin Lisa Randall mit ihrem Buch über verborgene Dimensionen des Universums für Furore. Die beobachtbare Welt, so ihre Hypothese, ist nur eine von vielen Inseln inmitten eines höherdimensionalen Raumes. Nur ein paar Zentimeter weiter könnte es ein anderes Universum geben, das für uns unerreichbar bleibt, da wir in unseren drei Dimensionen gefangen sind.“ (5)
Wenn die Hindus schon vor langen Zeiten davon sprachen, dass dieses physische
Universum nicht real sei und wir nur eine Ansicht darüber hätten, dann deckt sich dies mit diesen aktuellen Ergebnissen der Physik. Nicht dass die Materie Illusion wäre, sie ist natürlich da, aber meine Vorstellung von ihr als etwas Dauerndes und Festes ist eine Illusion – ist eben „Maya“, wie es die Hindus nennen.
Erwachen hat viele Ebenen. Die Sufis sprechen von jenem, das durchscheint durch das, was erscheint. Materie ist eine Erscheinungsform. Was durchscheint? Die Verursachung! Das was „Jenseits“ genannt wird. Mit dieser Seite – welche wir als materielle Wesen kennen – gilt es verantwortungsvoll umzugehen und jene Seite gilt es wieder zu finden.
Und dafür müssen wir nicht auf die Suche gehen. Wir müssen denjenigen Ort aufsuchen – so sagte es schon Buddha – den man nicht erreichen kann, indem man irgendwo hingeht: dieser Ort ist in jedem von uns, ist unser Wesenskern, ist unser innerer Körper der göttlichen Vollkommenheit, ist unsere Seele, ist die Verbindungsstelle zum Göttlichen. Diesen Ort zu
finden, um dann authentisch zu leben, das ist Erwachen. Mich selbst zu finden und aus mir selbst heraus authentisch leben, ohne den Worten irgendeines anderen Menschen nachzugehen – das ist Erwachen.
Walter Häge aus: „Den Pfad der Sufis gehen“, Radionik-Verlag, 217 Seiten, Euro 12,00 Direktlink: http://www.radionik.info/den-pfad-der-sufis-gehen-2
Quellenangaben/Erläuterungen
(1) Zitiert nach: Shah, Idries: „Die Sufis – Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier“, Diederichs Gelbe Reihe 1976 S. 30
(2) Nach der Höchstmengenverordnung gelten Chemikalien als nicht zugesetzt, wenn die Höchstmenge einer Chemikalie nicht überschritten wird. So können sich z.B. in einem Brot bis zu eintausend verschiedene Chemikalien tummeln, die nicht deklariert werden müssen, weil sie pro Chemikalie eine bestimmte Menge nicht überschreiten
(3) Aus: Anguttara Nikaya, Dreier Buch Nr. 66, zitiert nach: Nyanaponika: „Die Wurzeln von Gut und Böse“, Verlag Christiani 1981, S. 65
(4) Pir Vilayat Inayat Khan: “Erwachen – eine Sufi-Erfahrung“, Arkana-Verlag
(5) Lisa Randall: „Verborgene Universen“, S. Fischer, 2. Aufl. 2006, 549 S., Zitat Klappentext